Guddzje - Saarlands Straßenzeitung

Auf vielfachen Wunsch hier unsere Fortsetzungsreihe 'Moritz' von Anfang an

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Moritz 1

Moritz 2

Moritz 3 - mit Autorvorstellung

Moritz 4

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Moritz 6

Moritz 7


Moritz 8

Moritz Nr. 8 17.11.2006

Und dann stand bald Moritz Geburtstag an. Dieses Jahr wurde er fünfzehn.
Er fand es immer noch ungewohnt, dass sein Vater jetzt ausgezogen war. Dass der jemals ausziehen würde, das hätte er nie gedacht. Komisch und dann war alles auf einmal ganz schnell gegangen. Jetzt wohnte Moritz mit seiner Mutter allein in dem alten Knusperhäuschen das sie von seiner Oma geerbt hatten.
Dieses Jahr, das hatte ihm seine Mutter versprochen, würden sie seinen Vater gar nicht erst einladen.
Letztes Jahr, als Moritz vierzehn geworden war, wars besonders grässlich gewesen. Sein Vater hatte seine Eltern, Moritz Oma und Opa aus Oberweisbach mit dem Auto abgeholt. Moritz hatte keinen so rechten Kontakt zu denen, sie waren ihm beide immer viel zu anstrengend vorgekommen. Und gleich am Gartentor fing es schon an, als sie Moritz und seine Mutter begrüßten, die die Gäste bereits erwarteten.
„Oh Hallo Barbara, lass dich umarmen. Und Moritz, nein, wie groß du geworden bist. Ahh, bei euch ist es so grün ums Haus, wie im Urlaub.“ Moritz fand die redete ganz schon geschwollen. Dann folgte die obligatorische Begutachtung der Kate und die Beanstandung der Mängel. „Findet ihr nicht, dass ihr da mal was reparieren müsst? Das Gartentor ist ja schon ganz verrostet.“
„Ja, es wird nur noch von der Farbe zusammen gehalten. Ah, wie sieht denn das aus? Bärbel? Richard. Ich würds abreißen. Junge, willst du dir denn keine Garage bauen?“ Das war der Opa, der nun das Wort ergriffen hatte. Das war seltsam, meistens sagte der gar nix, ließ seine Frau keifern und mischte sich nur allzu ungern ein, aber jetzt und hier im Garten des Sohnes und der Schwiegertochter ging er ganz aus sich heraus. „Da könnte man schön das Mäuerchen einreißen und das Gestrüpp hier käme dann auch weg und ich würde da dann ein Carpott hinstellen!“
Ein Carpott? Was ist denn das, dachte Moritz und kam zu keinem Schluss. Erst hinterher merkte er, dass es Car-Port hätte heißen sollen. Na, mit Fremdsprachen hatten die es nicht so.
Richard, Moritz Vater, schien dieser Vorschlag zu gefallen, man konnte ihm ansehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Moritz Mutter hingegen sagte gleich, „Hier wird gar nichts abgerissen. Und ein Car-Port kommt hier schon gar nicht hin, und eine Garage auch nicht.“
Stille. Dass seine Großeltern nicht widersprachen, bewunderte Moritz. Sie schickten Richard nur ein paar säuerliche Blicke zu.
Kurz vorm reingehen ins Haus merkte Moritz Oma an „Ich finde euer Rasen könnte ruhig auch mal wieder gemäht werden. So kalt ist es ja noch nicht. Und das Laub gehört weg gekehrt!“ Sie drehte sich zu dem Jungen hinter ihr um und fügte noch ein „Moritz, das wäre doch was für dich.“ hinzu.
Drinnen in der Wohnung gings weiter.
„Ach, das ist aber nett bei euch, aber warum habt ihr denn noch die Klappläden außen am Haus, wenn ihr doch eh Rollläden habt? Diese alten Küchenmöbel... Früher hatte man ja sowas ...
Meinst du nicht, Richard, ihr müsstet mal das Dach decken lassen, das bricht doch irgendwann alles ein.“ Moritz schaute sie ehrfürchtig und erstaunt zugleich an.
Sie war so braun und runzelig im Gesicht und hatte tiefe, hängende Tränensäcke und schlaffe Wangen, und oben auf ihrem Kopf türmte sich eine wogende gelblich weiße Dauerwellpracht.
Eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem Vater war schon zu erkennen.
Moritz rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, er, das Geburtstagskind saß am Kopfende des Tisches.
Er schaute verstohlen rüber zu seiner Mutter und konnte an ihrem Gesicht und an dem schmalen, verkniffenen Mund ablesen, wie sehr es in ihr brodelte.
Und weiter gings.
„Ach, ich glaube, hier zieht es, eure Fenster sind nicht dicht. Die sind wohl auch nicht mehr die Neusten, was?“
Moritz Vater lächelte nur blöde, hat sie jetzt gescherzt oder was? dachte Moritz verwirrt, die Fenster waren doch vor einem Jahr erst eingebaut worden!
„Barbara, nein, hast du dir aber eine Arbeit gemacht mit dem vielen Kuchen!
Kommt denn noch wer?“
„Ja, meine Schwester Ulrike.“ brachte Moritz Mutter mühsam mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Die Ulrike ist die denn jetzt nicht auch geschieden?“ gackerte wieder die Oma.
Ja, dachte Moritz Mutter und ich bin auch gleich eine geschiedene Frau und dein Sohn wird zum Vollwaisen,
stattdessen aber sagte sie, freundlich und zuckersüß „Darf ich dir noch Kaffee nachschenken?“
„Nein, “ die Oma zog die Tasse zurück „ich kann sonst nicht schlafen. Und du auch nicht, Gustav!“ und sie bedachte ihren scheinbar harmlosen, Gebiss kauenden Mann mit einem strengen Blick.
Moritz wurde es abwechselnd heiß und dann wieder kalt, er stocherte in seinem Stück Kuchen rum und hatte keinen rechten Appetit.
„Moritz!“ Die letzte Silbe seines Namens zischte ihn an, waren da nicht auch Speicheltröpfchen auf seinem Teller gelandet? Die Oma wandte sich jetzt an ihn.
„Kannst du nicht ruhig sitzen?
Erzähl mal der Oma, was du von deinem Papa zum Geburtstag bekommen hast!“
Alle Aufmerksamkeit war jetzt auf ihn gerichtet und er räusperte sich nicht erst, sondern sagte gleich mit rauer Stimme „Eine Tracht Prügel zum Frühstück.“
Das Entsetzen war groß, die Oma riss ihre faltigen Augen auf, der Opa vergaß zu kauen und sein Vater sprang von seinem Stuhl hoch und brüllte seinen Namen.
Er wollte Moritz schon fast eine huschen, saß aber zu weit von ihm entfernt.
Moritz Mutter legte ihrem Mann energisch die Hand auf die Schulter und hielt ihn zurück.
„Richard setz dich!“ sagte sie scharf. Er ließ sich wieder zurück auf seinen Stuhl sinken und sie stand auf, ging hinter Moritz Stuhl vorbei zum Küchenschrank, tätschelte ihrem Sohn beruhigend den Rücken, nahm eine Digitalkamera vom Schrank und reichte sie ihren Schwiegereltern.
„Ah, ein Photoapparat.“ die Oma begutachtete das Teil und konnte nicht viel damit anfangen.
Moritz Vater war noch immer puterrot im Gesicht und funkelte Moritz an, der aber schaute demonstrativ an ihm vorbei.

Dicke Luft stand im Raum. Gott sei Dank wurde sie vom Klingeln der Türglocke zerrissen.
Moritz sprang auf, froh dem Ganzen für einen kleinen Moment zu entkommen und öffnete die Haustür. Endlich, Tante Uli und sein Cousin Jonas.
„Hallo Moritz, mein Schatz.“ Er wurde gedrückt und geküsst.
„Alles Gute zum Geburtstag.“ Endlich mal jemand, der sich mit ihm freute. Er bekam ein Geschenk überreicht, ein Taschenbuch und eine Tafel Schokolade und war glücklich, dass er gleich, sobald der Kaffee zu Ende getrunken war, vom Tisch aufstehen und sich mit Jonas in sein Zimmer verdrücken konnte.
Nachdem Tante Ulrike Platz genommen hatte, wurde die Stimmung etwas lockerer, aber die beiden Jungs verzogen sich dennoch so schnell wie möglich.
Jonas war zwar vier Jahre jünger als er und viel wussten sie nicht gerade miteinander anzufangen, aber besser als diese Steifheit und das Gemosere am Tisch war die Gesellschaft seines Cousins allemal.


Als sich gegen Abend Richards Eltern anschickten zu gehen, musste die Oma noch einen letzten Giftpfeil auf ihre Schwiegertochter abschießen: „Bei uns im Haus steht eine schöne große Wohnung leer, drei Zimmer, Küche Bad. Hell und trocken.“
Wir werden ja auch nicht jünger, lag als verborgene Botschaft in ihren Worten.
Aber Moritz Mutter fuhr schnell dazwischen und sagte „Danke, vielen Dank. Aber dieses Häuschen ist mein Eigentum und düster und nass ist es mit Sicherheit nicht, wenn ihr das denkt. Wir sind hier glücklich!“
Punkt.
Und jetzt raus.
So ungefähr verlief der Abschied.
Richard lud seine Eltern wieder ins Auto und brachte sie nach Hause,
während Barbara und Ulrike sich mit einem Gläschen Wein ins Wohnzimmer zurück zogen und Barbara all ihren Dampf bei ihrer Schwester ablassen musste.

In Richards Auto war es seine Mutter, die Dampf abließ.
„Wie springt die denn mit dir um? Du bist schließlich der Mann im Haus.
Du lässt dir ja von ihr das Wort verbieten.“ Und so weiter, dabei war es im wirklichen Leben doch total umgekehrt und Moritz und seine Mutter waren es, die bei ihm nichts zu melden hatten.
Die Digitalkamera hatte sein Vater ihm heute Morgen geschenkt, warum und wozu wusste Moritz nicht, aber am Abend wurde sie von seinem Vater konfisziert, zur Strafe, für vierzehn Tage. Seit dem Abend hatte Moritz sie nie wieder gesehen.


An all das musste Moritz jetzt denken.
Nein, Gott sei Dank kam ihnen dieses Jahr der Alte nicht mehr ins Haus.
Hoffentlich nicht.

War noch Zeit bis zum 17. November, dennoch fragte Moritz am Montag schon mal vorsichtshalber den Chriss, ob er nicht Lust hätte, an seinem Geburtstag zu kommen.
„Klar doch, natürlich komme ich.“

Und irgendwie ergab es sich, dass an Moritz Geburtstag nicht nur Chriss bei Moritz klingelte, sondern auch Sabine sich einfand.
Sie drückte ihn und küsste ihn rechts und links auf die Wange und drückte ihn noch mal ganz fest. Moritz ließ alles über sich ergehen und schnupperte heimlich an ihrem Hals an der warmen Stelle unter ihren Haaren.
„Alles Gute zum Geburtstag. “ strahlte sie ihn an.
„Danke.“ lächelte Moritz und er hoffte, dass seine roten, heißen Wangen nicht all zu sehr auffielen.
Chriss grummelte in sein Ohr, bevor sie in die Küche gingen „Wer hat die denn eingeladen? Du etwa?“
Moritz schüttelte den Kopf. „Nein. Sei leise. Pscht.“ und schubste Chriss in die Seite. Der Kerl war ihm peinlich.
„Kommt rein, setzt euch.“ sagte er matt.
Er stellte die Eintretenden den Gästen vor, die schon am Tisch saßen.
„Das hier sind Sabine und Chriss, Freunde aus meiner Schule. Und das ist meine Tante Ulrike, Jonas, mein Cousin, meine Mama.“
Mitten auf dem Tisch stand die Geburtstagstorte mit fünfzehn brennenden Kerzen
Und wie es nun mal Tradition ist, musste Moritz alle Kerzen mit einem Atemzug auspusten.
„Kommt noch jemand?“ fragte Tante Ulrike.
„Moni wollte noch kommen. Aber auf sie brauchen wir nicht zu warten, es kann später werden bei ihr. Moritz, leg los!“
Er holte tief Luft, 15 Kerzen, eine Kleinigkeit, aus waren sie und qualmten die Küche zu.
„Aha, er hat immer noch eine gute, jungfräuliche Lunge.“ es folgte der alljährliche Kommentar von Tante Uli, hmm, wie immer noch witzig!
Und dann gab es Kaffee und Kuchen, dieses Jahr ein ganz entspanntes Geburtstagsfest.
Später kam auch noch Moritz Tante Moni, allerdings ohne ihre beiden halbwüchsigen Töchter, auf die Chriss schon spekuliert hatte.
„Na Moritz, “ Sie schaute ihn lachend an „alles klar?“
„Bestens.“ gab er zur Antwort.
Nein, es war wirklich alles gut geworden, nun, man konnte nur hoffen, dass es so blieb.
Und dann die schönen Geschenke, echt krass.
Dieses schwarze Strickdings von seiner Mutter, an dem sie ewiglange gearbeitet hatte, lag heute Mittag als total cooler Pulli auf seinem Bett. Auf dem Rücken war ein überdimensionaler gelber Stern eingestrickt.
Nun, bei selbst gestrickten Sachen war Moritz ja relativ kritisch, doch nein, dieser hier konnte sich sehen lassen.
Und was sie ihm noch geschenkt hatte, er konnte es gar nicht fassen, einen Gutschein über fünfzehn Gitarrenstunden.
Er wusste, so eine Unterrichtsstunde war wahnsinnig teuer. Anfangs hatte er mal welche gehabt, da kostete eine Stunde 20 Euro.
Als sein Vater merkte, dass sein schwerverdientes Geld für Moritz Katzenmusik, wie er sich auszudrücken pflegte, drauf ging, unterband er diesen Spaß unverzüglich.
Moritz freute sich riesig, endlich mal wieder mit System spielen zu lernen und er war seiner Mutter richtig dankbar.
Und das Tollste war, sie hatte die Stunden günstig bezahlt, da der Gitarrenlehrer ein Schulfreund ihrer Schwester Moni war.
Von Moni bekam Moritz einen neuen Satz Saiten, „die wirst du brauchen“ hatte sie lächelnd gesagt.
Tante Uli schenkte ihm ein Geldkuvert, als Grundstock für die eigene Elektrogitarre.
„Wir wollen noch einen Rockstar aus dir machen, was?“ hatte sie schmunzelnd hinzugefügt, als er über das Geschenk strahlte.
Chriss hatte ihm ein paar gebrannte CDs mitgebracht, unter anderem eine Scheibe von
„Social Distortion“. Und es war zwar etwas peinlich, aber Moritz Mutter bestand darauf, dass er sie hier und jetzt auflegte.
Na gut. „Nicht so laut, Moritz.“
Okay. Punk hören wollen, aber leise bitte. Super.
Und Sabines Geschenk?
Für ihn war es Geschenk genug, dass sie heute da war, so ganz aus freien Stücken heraus. Das bedeutete ihm schon was. Sie mochte ihn bestimmt.
Sabine überreichte ihm das Buch „ Der Kleine Prinz“. Den wollte er schon immer mal lesen.

Nee, dachte Moritz, als er sich zufrieden auf dem Stuhl zurücklehnte, die flackernden Kerzen in den Teelichtgläsern betrachtete, die seine Mutter auf den Tisch gestellt hatte, die ausgelassene Stimmung, Lachen, Kichern, halblautes Geplauder, seine verrückten Tanten, seine Mutter und die jungen Leute, gute Musik im Hintergrund,
einen gelungeneren Start in ein neues Lebensjahr hätte er sich nicht vorstellen können.